Geschichten

Die gelbe Tüte

Hoffsümmer, W. (Hrsg.) (2009) „77 Herzfenster – Geschichten die gut tun“ – leicht abgeändert

Ein Mann saß auf einer Parkbank, traurig und bedrückt. Er dachte über sein Leben nach und darüber, was alles schief lief. Ein kleines Mädchen, das durch den Park schlenderte, sah den Mann, bemerkte seine Stimmung und setzte sich zu ihm auf die Bank. Sie fragte ihn: „Warum bist du denn so traurig?“ Der Mann antwortete geknickt: „Ach, weißt du, ich habe keine Freude im Leben. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, alles und alle haben sich gegen mich verschworen und nichts läuft so, wie es soll.“

Das Mädchen schaute verwundert und fragte: „Wo hast du denn deine gelbe Tüte? Darf ich sie mal sehen?“ Der Mann verstand nicht und erwiderte: „Was für eine gelbe Tüte? Ich habe nur eine graue.“

Schweigend gab er dem Mädchen die graue Tüte. Behutsam öffnete die Kleine die Tüte und sah hinein. Sie erschrak und sagte entsetzt: „Das sind ja nur schlimme Erlebnisse, Unglück, Schmerz und Leid!“ Der Mann entgegnete traurig: „Das ist eben so, da kann ich nichts machen.“

„Hier, schau!“ sagte die Kleine und reichte dem Mann eine gelbe Tüte. Etwas unsicher öffnete der Mann diese und er sah ganz viele schöne Dinge: Sonnentage, glückliche Stunden, Lachen, Freude, Unbeschwertheit und Zufriedenheit. Er wunderte sich, da das Mädchen noch jung war, und fragte: „Wo ist deine graue Tüte?“

Die Kleine antwortete keck: „Um die kümmere mich nicht so sehr! Ich denke, es ist viel schöner und sinnvoller, meine gelbe Tüte immer weiter zu füllen. Da stopfe ich so viel wie möglich hinein und immer, wenn ich Lust dazu habe oder traurig bin, schaue ich hinein. Dann geht es mir gleich wieder besser. Wenn ich dann alt bin, habe ich eine ganz gelbe Tüte und kann mir viele schöne Erinnerungen anschauen!“

Der Mann war verblüfft und als er noch über die Worte der Kleinen nachdachte, war diese bereits verschwunden. Neben ihm lag eine gelbe Tüte auf der Bank. Er öffnete sie zaghaft und sah, dass sie fast leer war. Nur ein herzliches Gespräch mit dem kleinen Mädchen war darin.

Der Mann lächelte und stand auf. Er nahm die gelbe Tüte mit und beschloss, in Zukunft stärker auf seine gelbe Tüte zu achten, denn die graue füllt sich von alleine.

Die Mauer um das Herz

(aus H.A. Höntges „Lebenserwartungen“)

Irgendwann muss jeder von uns mit der Versuchung fertig werden, eine Mauer um sein Herz zu bauen, die das Herz schützen soll vor den Verwundungen des Lebens, vor den Enttäuschungen, von den Bitternissen.

Irgendwann ist jeder von uns so enttäuscht – von einer Liebe, von einer Freundschaft, von einem Vertrauen, von einem Urteil, das über uns gesprochen ist, enttäuscht von den Grenzen seiner Möglichkeiten, von seinen Misserfolgen in der Arbeit oder seinen Misserfolgen bei den Menschen, enttäuscht einfach von sich selber – dass er sich am liebsten zurückziehen möchte.

Wohin? – In sich selber – wo er seine Ruhe hat – wo er nicht enttäuscht und betrogen wird, in die schützende Dunkelheit hinter der Mauer, die er um sein Herz bauen will…

Gewiss, wer nichts riskiert, wird nicht enttäuscht. Aber unmerklich wird sein ganzes Leben zur Enttäuschung. Denn wir vermögen es nicht, eine solche Mauer um unser Herz zu bauen, die uns nur vor dem Schlimmen schützt. Nur eine solche Mauer, die alles von uns fernhält, können wir bauen: mit dem Schmerz auch alle Freude, mit der Abneigung auch alle Zuneigung, mit den Enttäuschungen auch alle Hoffnung, mit den Qualen auch alle Lust. Was für einen Preis!