Geschichten

Hole dir nie Rat bei deinen Befürchtungen. Andrew Jackson

Die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Trotzdem ist es nicht leicht, in einer Krisenzeit, wie die der Coronakrise , ruhig und besonnen zu bleiben. Gerade in dieser Zeit hilft uns die Lebensmaxine von Viktor Frankl „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Und meist sehen in der Angst die Situationen schlimmer aus, als sie in Wirklichkeit sind, wie das auch die Geschichte von Michael Ende so schön zeigt.

Mutmachgeschichte aus:  Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Als Jim und Lukas das Tal der Dämmerung hinter sich gelassen hatten, durchquerten sie die Wüste, die ihnen wie das „Ende der Welt“ vorkam. Nachdem die beiden mit ihrer Lokomotive Emma stundenlang im Kreis gefahren sind, erblicken die Freunde etwas, das alles übertrifft, was ihnen jemals vor Augen gekommen ist. Am Horizont steht ein Riese von ungeheurer Größe. Plötzlich hebt der Riese beide Hände und ruft mit einem dünnen Stimmchen: „Bitte, bitte, liebe Leute, lauft nicht fort! Ich will euch gewiss nichts tun!“ Jim fürchtet sich aber und möchte am liebsten so schnell wie möglich wegfahren, doch Lukas beruhigt ihn und sagt: „Nur weil der Riese so mächtig ist, braucht er noch lange kein Ungeheuer zu sein, vor dem man sich fürchten muss.“ Beide entschließen sich somit zu bleiben und den Riesen auf sich zukommen zu lassen. Schritt für Schritt kommt der Riese näher, und bei jedem Schritt wird der Riese ein Stückchen kleiner. Als er noch etwa 100 Meter entfernt ist, scheint er nicht mehr viel größer zu sein als ein hoher Kirchturm. Nach weiteren 50 Metern hat er nur noch die Höhe eines Hauses und als er schließlich bei den beiden ankommt, ist er genauso groß wie Lukas der Lokomotivführer. „Siehst du!“, sagt Lukas und schlägt Jim freundschaftlich auf die Schulter, „Angst taugt nämlich nichts. Wenn man Angst hat, sieht meistens alles viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist!“ „Wissen Sie, „sagt Herr Tur Tur der Riese zu den beiden Freunden, „in Wirklichkeit bin ich nämlich gar kein Riese. Ich bin nur ein Scheinriese!“

Jim Knopf und Lukas haben dadurch, dass sie geblieben sind, viel gewonnen. Herr Tur Tur der Scheinriese wurde ein guter Freund von ihnen, der ihnen half, aus der Wüste herauszufinden.

BEDENKT

Bedenkt, dass jetzt um diese Zeit,
der Mond die Stadt erreicht.
Für eine kleine Ewigkeit sein Milchgesicht uns zeigt.
Bedenkt, dass hinter ihm ein Himmel ist,
dem man nicht definieren kann.
Vielleicht kommt jetzt um diese Zeit
ein Mensch dort oben an.
Und umgekehrt wird jetzt vielleicht
ein Träumer in die Welt gesetzt.
Und manche Mutter hat erfahren,
dass ihre Kinder nicht die besten waren.
Bedenkt auch, dass ihr Wasser habt und Brot,
dass Unglück auf der Straße droht,
für die, die weder Tisch noch Stühle haben
und mit der Not die Tugend auch begraben.
Bedenkt, dass mancher sich betrinkt,
weil ihm das Leben nicht gelingt,
dass mancher lacht, weil er nicht weinen kann.
Dem einen sieht man’s an, dem andern nicht.
Bedenkt, wie schnell man oft ein Urteil spricht.
Und dass gefoltert wird, das sollt ihr auch bedenken.
Gewiss, ein heißes Eisen, ich wollte niemand kränken,
doch werden Bajonette jetzt gezählt und wenn eins fehlt,
es könnte einen Menschen retten,
der jetzt um diese Zeit in eurer Mitte sitzt,
von Gleichgesinnten noch geschützt.
Wenn ihr dies alles wollt bedenken,
dann will ich gern den Hut,
den ich nicht habe, schwenken.
Die Frage ist, die Frage ist,
sollen wir sie lieben, diese Welt?
Sollen wir sie lieben?
Ich möchte sagen, wir wollen es üben.

Hanns Dieter Hüsch