Geschichten

Die Weisheit der Schneeflocke

Eine Schneeflocke erklärte einer anderen, warum Menschen sich mit Veränderungen schwertun.
„Im letzten Winter war ich schon einmal bei den Menschen. Unweit von hier in einem Wald. Es schneite damals heftig. Trotzdem kamen immer wieder Spaziergänger, um Zweige für ihre Dekorationen zu sammeln. Durch den vielen Schnee waren manche Wege schwierig zu durchschreiten. Und so wurden immer nur dieselben Wege begangen – und die Zweige dort natürlich immer weniger. Durch die vielen Fußspuren blieben diese Wege leicht passierbar. Gleichzeitig wurde der Tiefschnee bei den anderen Wegen immer höher.“
„Und was hat das mit den Gewohnheiten zu tun?“, fragt die junge Schneeflocke.
„Ziemlich viel!“, erwidert Herr Flocke. „Denn die zugeschneiten Wege erinnern an neue Gewohnheiten. Durchzuwaten ist mühsam. Es ist anstrengend und man wird nass. Deshalb vermeiden die Menschen solche Wege. Sogar dann, wenn es sich lohnen würde. Die meisten entscheiden sich doch wieder für den einfachen Weg, der schön ausgetreten ist. Der Weg durch den Tiefschnee würde zwar auch leichter werden, wenn sie öfters hin und her gehen, aber so weit kommt es meistens nicht. Deshalb bleibt dieser Weg immer mühsam. So wie neue Handlungen und Verhaltensweisen auch immer mühsam bleiben, weil sie einfach nicht oft genug getan werden. Und so bleiben viele Menschen immer bei den alten Gewohnheiten, weil diese Wege leichter zu gehen sind.“
„Gibt es da keine Ausnahmen? Können neue Gewohnheiten nie leicht werden?“, möchte das Flöckchen wissen.
„Doch. Auch damals gab es eine Familie, die durch den Tiefschnee gestapft ist. Sie wollten unbedingt mehr Zweige finden. Sie hatten ein großes Fest geplant. Sie hatten also einen wichtigen Grund, und deshalb haben sie die Mühe auf sich genommen.
Später erzählte mir eine andere Schneeflocke, dass sie am Fensterbrett eines Hauses lag und hineinblickte. Sie sah ein wunderbares Fest. Glückliche Menschen. Und eine Deko mit viel Liebe zum Detail und zur Natur. Denn diese schön verzierten Tannenzapfen und Zweige mussten aus dem Wald kommen. Diese Familie hatte etwas ganz Besonderes gemacht. Ich wusste natürlich sofort, um wen es sich handeln musste.“
„Um die Familie, die durch den Tiefschnee ging?“, vergewisserte sich das Flöckchen.
„Ja. Und noch etwas habe ich seither immer wieder beobachtet: Menschen mit der Bereitschaft, durch den Tiefschnee zu gehen, mögen sich zwar zu Beginn mehr anstrengen, sind im Nachhinein aber immer glücklicher als die meisten anderen.“
Michael Altenhofer (gekürzt)

Der Heiligenschein
„Herr Doktor, Sie müssen mir helfen“, klagte ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Meine Kopfschmerzen werden täglich schlimmer!“
Der Arzt stellte die üblichen Fragen nach Alkoholgenuss, Zigarettenkonsum und einem unsteten Lebenswandel. Beinahe empört erklärte der Patient, dass er jeden Abend um 21 Uhr zu Bett gehe, sowie niemals Alkohol und Tabakprodukte anrühre. Außerdem würde er sich äußerst gesund ernähren, regelmäßig Sport treiben, die Sonne meiden, jeden Tag zur Kirche gehen …
Alle bisherigen Untersuchungen bestätigten einen kerngesunden Menschen. Selbst nach einer Computertomographie fand sich kein einziges medizinisches Anzeichen, das nur im geringsten die Kopfschmerzen des Mannes erklären konnte.
Daher erkundigte sich der Arzt bei dem Patienten nach den genauen Symptomen des Schmerzes.
„Herr Doktor, es handelt sich um einen gewaltigen, pochenden, drückenden, stechenden, ziehenden, hämmernden Schmerz, der sich rund um meinen Kopf zieht.“
„Warum haben Sie das nicht gleich erwähnt“, fragte der Arzt. „Ihr Problem liegt ganz klar auf der Hand. Ihr Heiligenschein scheint zu stramm zu sitzen. Sie müssen ihn nur ein wenig lockern.“
Gisela Rieger; aus dem Buch: „111 Herzensweisheiten“